Das Wichtigste in 30 Sekunden
Der Situationsansatz macht das echte Leben der Kinder zum Ausgangspunkt der Arbeit in der Kita, nicht den Themenkalender.
Seine drei Leitziele: Autonomie, Solidarität und Kompetenz.
Schlüsselsituationen sind verdichtete Lebenssituationen mit hohem Lernpotenzial, ihre Auswahl ist die eigentliche Fachleistung.
Der Weg läuft über die Situationsanalyse: erst erkunden, was Kinder wirklich beschäftigt, dann planen.
Nicht verwechseln: Der situationsorientierte Ansatz nach Krenz ist ein eigenes Konzept.
Seit Montag wird vor der Kita gebaggert. Im Morgenkreis reden die Kinder nur noch über den Kran, am Fenster drängeln sich die Zuschauer. Im Ordner der Gruppe steht für diese Woche allerdings das Thema Herbst. Was tun? Genau an dieser Stelle beginnt der Situationsansatz.
Was ist der Situationsansatz?
Der Situationsansatz beantwortet eine einfache Frage radikal: Woraus soll Bildung in der Kita entstehen? Seine Antwort: aus dem, was Kinder tatsächlich beschäftigt und betrifft. Die Baustelle vor der Tür, das neue Geschwisterkind, der Streit um Gerechtigkeit, das sind die Lehrpläne, die Kinder wirklich haben. Aufgabe der Kita ist, daraus bewusst Bildung zu machen.
Entstanden ist das Konzept in der Reformzeit der frühen 1970er Jahre, in einer Arbeitsgruppe um Jürgen Zimmer am Deutschen Jugendinstitut. Damals stritt die Fachwelt, ob die Kita Schule vorwegnehmen soll (Funktionstraining mit Übungsblättern) oder nur betreuen. Der Situationsansatz war die dritte Antwort: weder Drill noch Beliebigkeit, sondern Lernen am echten Leben. Diese Frontstellung erklärt seine Grundsätze bis heute.
Welche Ziele verfolgt er?
Alles im Situationsansatz richtet sich an drei Leitzielen aus: Autonomie, Solidarität und Kompetenz. Kinder sollen selbstbestimmt handeln (Autonomie), mit anderen füreinander einstehen (Solidarität) und sich Wissen und Können aneignen (Kompetenz).
Die Trias ist klug gebaut, und genau das fragen Klausuren gern: Autonomie ohne Solidarität wäre Egoismus, Solidarität ohne Autonomie bloße Anpassung, und beides braucht Kompetenz als Handwerkszeug. Die drei Ziele halten einander in Balance. Gedacht sind sie als Prüfsteine, an denen sich jedes Projekt messen lassen muss, nicht als Poster für den Flur.
Was ist eine Schlüsselsituation?
Nicht jede Alltagsminute taugt zum Projekt. Gesucht sind Schlüsselsituationen: bedeutsame, verdichtete Lebenssituationen mit hohem Lernpotenzial. In ihnen bündeln sich Lebensfragen der Kinder, Zugehörigkeit, Verlust, Gerechtigkeit, Neues. Die Geschwistergeburt gehört dazu, der Umzug, ein Gruppenkonflikt, und ja: die Baustelle vor der Kita. An solchen Situationen lernen Kinder exemplarisch, was über den Einzelfall hinaus trägt. Die Auswahl ist die eigentliche Fachleistung.
Wie kommt die Kita von der Situation zum Projekt?
Bevor der Situationsansatz plant, forscht er. Die Situationsanalyse erkundet systematisch die Lebenswelt der Kinder: beobachten und zuhören, mit Eltern sprechen, den Stadtteil kennen. Erst daraus wählt das Team die Situationen aus, die zu Projekten werden.
Die weitere Planung bleibt konsequent beim Kind. Ziele werden an der Trias geklärt, die Kinder entscheiden über echte Partizipation mit. Dann entfaltet sich das Projekt in der Projektarbeit, und am Ende wird gemeinsam reflektiert. Der häufigste Planungsfehler in Klausuren wie in der Praxis: bei der Bastelidee anfangen und nachträglich eine Situation dazu erfinden. Das ist rückwärts geplant.
Konsequent ist auch die Öffnung. Altersgemischte Gruppen bilden ab, wie Familien und Nachbarschaft wirklich aussehen. Eltern kommen als Partner ins Haus, etwa wenn ein Vater den Kindern seine Werkstatt zeigt. Und der Stadtteil wird zum Lernort: Wer die Bäckerei besucht, statt sie zu basteln, lernt an der Quelle.
Worin unterscheidet er sich vom situationsorientierten Ansatz?
Die klassische Verwechslungsfrage der Konzeptklausur. Der situationsorientierte Ansatz nach Armin Krenz ist ein eigenständiges Konzept mit anderer Blickrichtung: Krenz schaut nach innen und zurück, Kinder sollen Erlebtes verarbeiten können. Der Situationsansatz schaut nach vorn und nach außen, die Lebenswelt wird zum Lernfeld. Beide starten beim Kind, aber mit unterschiedlichem Blick. Dass die Praxis beide Begriffe salopp mischt, macht die saubere Trennung in der Prüfung umso wertvoller.
Woran erkennst du echten Situationsansatz?
Der Ansatz ist so populär, dass sein Name oft mehr verspricht, als die Praxis hält. Der Lackmustest fragt nach dem Weg der Projekte: Entstanden sie nachweisbar aus analysierten Lebenssituationen? Entscheiden Kinder mit? Sind Eltern und Stadtteil einbezogen? Leitet die Zieltrias die Reflexion? Ob ein Haus dem Konzept treu ist, zeigt der Weg seiner Projekte, nicht das Türschild.
Auch die Kritik gehört in die Klausur: Dem Ansatz wird Beliebigkeitsgefahr vorgehalten ("alles kann Situation sein"), und die Situationsanalyse stellt hohe Anforderungen an die Fachkräfte. Dagegen stehen die Qualitätskriterien und 16 konzeptionellen Grundsätze, die das Institut für den Situationsansatz ausgearbeitet hat, und die Trias als Kompass. Die Beliebigkeitskritik trifft schlechte Umsetzungen, nicht das Konzept: Wo Analyse und Zielbezug fehlen, wird aus Situationsorientierung tatsächlich Zufallspädagogik.
In der ErzieHero-App übst du das Konzept in einer eigenen Lektion; die Abgrenzung zu Krenz folgt direkt in der Lektion danach.
Häufige Fragen
Sind Situationsansatz und situationsorientierter Ansatz dasselbe?
Nein, es sind zwei eigenständige Konzepte mit verschiedenen Urhebern. Der Situationsansatz (Zimmer, 1970er) macht die Lebenswelt zum Lernfeld; der situationsorientierte Ansatz (Krenz, 1980er) schafft Raum, Erlebtes zu verarbeiten.
Wird im Situationsansatz überhaupt noch geplant?
Ja, sogar anspruchsvoll: Situationsanalyse, Zielklärung entlang der Trias, Projektplanung mit den Kindern, Reflexion. Es ändert sich nicht das Ob der Planung, sondern ihr Ausgangspunkt.
Was sind die 16 Grundsätze?
Leitsätze, die das Institut für den Situationsansatz formuliert hat. Sie übersetzen die Grundidee in prüfbare Anforderungen an die Praxis. Die Spanne reicht vom Blick auf die Lebenswelt bis zur Zusammenarbeit mit Eltern; Kitas nutzen sie für ihre Qualitätsarbeit.
So fragt es die Prüfung
Erst selbst beantworten, dann Lösung aufklappen.
Nenne die drei Leitziele des Situationsansatzes und erläutere, wie sie zusammenhängen. Lösung
Darauf kommt es an: Autonomie, Solidarität, Kompetenz. Für die volle Punktzahl den Zusammenhang zeigen: Autonomie ohne Solidarität wäre Egoismus, Solidarität ohne Autonomie Anpassung, Kompetenz ist das Handwerkszeug für beides. Die Ziele sind Prüfsteine für jedes Projekt.
In einer Gruppe erleben mehrere Kinder gerade die Trennung ihrer Eltern; das Thema taucht in Spielen und Fragen auf. Das Team meint: "Zu privat, da halten wir uns raus." Begründe aus Sicht des Situationsansatzes, wie die Kita stattdessen handeln sollte. Lösung
Darauf kommt es an: Kinder lassen ihre Lebensthemen nicht an der Garderobe; sie verarbeiten sie ohnehin in Spiel und Fragen. Der Situationsansatz sieht darin einen Lernanlass: das Thema sensibel aufgreifen (Bilderbücher, Gespräche, Rollenspiel zulassen), abgestimmt mit den betroffenen Eltern und ohne Einzelne bloßzustellen. Wegschauen wäre keine Neutralität, sondern Alleinlassen.
Erläutere den Unterschied zwischen einem vorab festgelegten Jahresthema und einem Projekt nach dem Situationsansatz. Lösung
Darauf kommt es an: Beim Jahresthema bestimmt der Kalender den Inhalt, beim Situationsansatz das Leben der Kinder. Der Herbst darf vorkommen, aber weil die Kinder gerade Kastanien horten, nicht weil Kalenderwoche 40 ist. Nenne den Planungsweg: Situationsanalyse, Auswahl der Schlüsselsituation, Ziele an der Trias, Beteiligung, Reflexion.
Quellen und zum Weiterlesen
- Zimmer, Jürgen (2007): Das kleine Handbuch zum Situationsansatz. 2. Auflage. Cornelsen Scriptor, Berlin.
- Preissing, Christa und Heller, Elke (Hrsg.) (2019): Qualität im Situationsansatz. Qualitätskriterien und Materialien für die Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen. 5. Auflage. Cornelsen, Berlin.
- Institut für den Situationsansatz (ISTA) der Internationalen Akademie Berlin: Grundlagen und die 16 konzeptionellen Grundsätze, frei zugänglich unter situationsansatz.de.
- Krenz, Armin (2008): Der Situationsorientierte Ansatz in der KiTa. Grundlagen und Praxishilfen zur kindorientierten Arbeit. Bildungsverlag EINS, Köln.
Konsens sind Grundidee, Zieltrias und die breite Verankerung des Ansatzes in den Bildungsplänen. Diskutiert werden die Beliebigkeitsgefahr in der Umsetzung und die hohen Anforderungen der Situationsanalyse an die Teams.
So zitierst du diesen Beitrag
Frischmuth, T. (2026): Der Situationsansatz einfach erklärt: vom Leben der Kinder zum Projekt. In: ErzieHero-Magazin. Online unter: https://erziehero.de/magazin/situationsansatz-einfach-erklaert (Zugriff am TT.MM.JJJJ).
Stand: 20.07.2026
Fehler melden: kontakt [at] erziehero.de
Tom
Tagsüber Kita, abends ErzieHero. Tom entwickelt die App, pflegt die Lerninhalte und schreibt hier im Magazin. Fachlich abgeglichen mit dem, was in der Ausbildung wirklich drankommt.
Stand: Juli 2026 · Beiträge werden jährlich geprüft und aktualisiert.
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